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Der Handarbeitsunterricht im Wandel

Der Unterricht an den Schulen verändert sich. Das ist nichts Neues. Wie zeigt sich dieser Wandel am Beispiel des Handarbeitsunterrichts? Ein Augenschein.

Die Ausbildung, die Christin Brühwiler, Fachlehrperson für das technische und textile Gestalten (TTG) im Schulhaus Rosenacker, damals genossen hat, gibt es nicht mehr. Im Jahr 2002 wurde diese Spezialausbildung abgeschafft. Die Schulfächer, die vor Einführung des Lehrplans 21 noch Werken und Handarbeit hiessen, sind heute in die Ausbildung der Pädagogischen Hochschulen integriert. Genau wie bei Christin Brühwiler dauert es noch immer drei Jahre, bis die Lehrpersonen fertig ausgebildet sind. Der Fachbereich «Gestalten» nimmt dabei nur einen kleinen Anteil am Gesamtpaket ein. Das «textile Gestalten» zum Beispiel rund einen Siebtel. Die «Handsgi-Lehrerin» aus dem Rosenacker hat sich damals während ihren drei Jahren einzig mit gestalterischen Fächern auseinandergesetzt.

Eine Frage des Stellenwertes

In früheren Zeiten hatte der Handarbeitsunterricht durchaus seine Wichtigkeit. Wenn auch ausschliesslich für das weibliche Geschlecht. Es waren schliesslich die Mädchen, die später einmal nähen, flicken und dem Ehemann die Socken stricken sollten. Dieses Rollenbild haben wir glücklicherweise hinter uns gelassen, und das textile Gestalten findet schon lange geschlechterunabhängig statt.

Welchen Stellenwert der TTG-Unterricht heute hat, zeigt ein Blick auf die Lektionentafel: Vor allem seit 2008 ist der Fachbereich «Gestalten» immer wieder von Reduktionen betroffen, und zwar auf allen Schulstufen. Der gesellschaftliche Fokus richtet sich nicht erst seit gestern immer mehr auf die sogenannten «Leistungsfächer». An Beurteilungsgesprächen mit der Lehrperson wird besprochen, wie die Kinder noch besser gefördert werden können, um ihre schulischen Leistungen in der Mathematik oder im Deutsch zu verbessern. Wie es in den gestalterischen Fächern läuft, interessiert in der Regel niemanden.

Dabei können genau die kreativen Fächer die so wichtige Aufgabe der Vernetzung übernehmen. In der Wissenschaft herrscht grosser Konsens, dass ein gut vernetztes Gehirn leistungsfähiger ist als eines, das vornehmlich nur auf einer Hirnhälfte heissläuft. Die Kompetenzen, die im textilen Gestalten gefördert werden, eignen sich wunderbar für eine Vernetzung der beiden Hirnhälften. Da ist die linke Hälfte, die technische, die im Einsatz ist, um die Funktion der Nähmaschine zu verstehen. Auf der anderen Seite arbeitet die rechte Hirnhälfte auf Hochtouren an einer kreativen Umsetzung der aufgetragenen Arbeit. Dazu kommt der motorische Aspekt: Die Bewegung wird von Hand ausgeführt und erfordert eine Konzentration und Koordination. Dies sind optimale Voraussetzungen, Gelerntes zu verinnerlichen – Hirnhälften-Vernetzung at its best!!

Motiviert und konzentriert bei der Arbeit

Ein Besuch im Unterricht zeigt, dass die Kinder die Abwechslung zu den eher kopflastigen Fächern schätzen. Die 4. Klasse ist konzentriert bei der Arbeit. Ein Etui aus einer PET-Flasche soll es schlussendlich werden. «Ich muss heute etwas vorwärts arbeiten, sonst werde ich nicht fertig», hört man eine Schülerin zur anderen sagen, während sie mit fokussiertem Blick die Lochabstände auf die PET-Flasche überträgt. Ihm gefalle der Handarbeitsunterricht bei Frau Brühwiler, meint Colin. Es sei cool, dass man etwas produziere, das später auch nützlich sei, wie eben dieses Etui.
«Prozessorientierung» wurde in den letzten Jahren in den gestalterischen Fächern immer wichtiger. Es kommt nicht mehr nur drauf an, was am Schluss herauskommt, sondern auch, welchen kreativen Weg zum Produkt das Kind genommen hat. Selbstverständlich sind der Kreativität gewisse Grenzen gesetzt. «Es gibt nun mal nur eine richtige Variante, die Nähmaschine einzufädeln», lacht Christin Brühwiler. Sie habe auch dem Steuerzahler gegenüber einer gewisse Verpflichtung, mit Material und finanziellen Ressourcen verantwortungsbewusst umzugehen. «Kreativität soll gefördert werden. Das funktioniert aber auch ganz gut ohne verschwenderischen Umgang», erklärt sie.

Fachlehrpersonen mit einer Ausbildung wie Christin Brühwiler wird es in spätestens zwanzig Jahren keine mehr geben. Sie sind aber bereits jetzt rares Gut und auf dem Arbeitsmarkt sehr begehrt. Es stellen sich daher einige Fragen, wie der Unterricht im textilen Gestalten in naher und ferner Zukunft aussehen wird. Können Lehrpersonen mit der «abgespeckten», aktuellen textilen Ausbildung an der PHSG dieselbe Unterrichtsqualität bieten? Räumt eine Lehrperson, die daneben noch die «Leistungsfächer» Deutsch, Mathe, Englisch, Französisch und Natur, Mensch, Gesellschaft NMG unterrichtet, den gestalterischen Fächern einen angemessenen Stellenwert ein? Wo wird sie Prioritäten in der Vorbereitung aller ihrer Unterrichtsfächer setzen?

«Vielleicht müssen wir zuerst erleben, dass eine Generation heranwächst, die nur noch kopflastig erzogen und gebildet wurde, bis wir die Wichtigkeit des Kreativen, Gestalterischen und Handwerklichen erkennen», meint Christin Brühwiler nachdenklich. «Aber hoffen wir, dass es nicht so weit kommt.»

Eine Antwort

  1. Dieser Text spricht mir aus dem Herzen! Ich bin ebenfalls Fachlehrperson TTG und bin auch der gleichen Meinung, dass genau die nichtkopflastigen Fächer eigentlich mindestens genauso wichtig sein sollten wie die anderen Fächer!

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