Neues vom Kaiser

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Hopp Schwyz

Ach wissen Sie was? Das reicht noch nicht. Das ist zu wenig lieb. In der jetzigen Krisenzeit, wo alle unter Druck sind und sich ständig gegenseitig blöd anmachen, möchte ich diese Sache hier ein bisschen feierlicher angehen – und Sie alle dementsprechend zeremonieller ansprechen:

Meine sehr geehrten Damen und Herren, mesdames et messieur, signore e signori, prezia dunnas e signurs della linguatsch fantastituntsch dell rumantscha grischun surselva la silvaplan Sul Divan, cordial bainvegnil!

Sehen Sie? Tut das nicht einfach mal gut? So eine herzhafte, festliche Anrede? Gerade in Zeiten, wo Feste knapp sind, wo man sich hauptsächlich auf Zoom grüsst und das meistens sehr knapp und schmallippig (vor allem, wenn man zu spät merkt, dass die Kamera schon läuft, während man aber immer noch auf dem WC ist). Darum selbstverständlich auch in allen vier Landessprachen!

Und ja, die rätoromanische Sprachgemeinde hat die längste Anrede bekommen – weil die sonst immer zu kurz kommt. Und ja: Es gibt immer noch rätoromanische Wesen in der Schweiz! Manche davon sind sogar Menschen! Die meisten Rätoromanen sind ja Wölfe, aber die sind so gut wie zum Abschuss freigegeben – die rätoromanischen Menschen zum Glück ja noch nicht.

Man kann sagen: Die Schweiz hört eher zwei Steinböcken zu, wenn sie Schweizerdeutsch reden als zwei Rätoromanen auf rumantsch. Gerade dem Deutschschweizer, also so dem richtigen Deutschschweizer, nennen wir ihn Reto, ist ja jede andere Sprache als die eigene ein zu grosses Hindernis. Italienisch spricht er, wenn er in den Ferien beim Pizza bestellen seine Frau beeindrucken will (Schweizer Akzent): „Una bottiglia del Vino rosso, aber bitte vom Rotä gäll!“ (Frz. Akzent) E kont il parl froossä, il parl froossä comme sa, aväc ö axoo fédérale, gell, sodass jeder Französischschweizer weinend zu seiner Mutter rennt, man spricht darum auch vom sogenannten Tröschtigraben. Und ja dann auch noch dieses Rumantsch, das hält der Deutschweizer im Kopf nicht aus. Rätoromanisch ist dem Reto zu romanisch.

Am liebsten spricht der Deutschschweizer so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, weil er, wenn er von der Schweiz spricht, eigentlich immer nur die Deutschschweiz meint – und sich dann denkt: Wenn wir Schweizer Dialekt reden, verstehen wir uns ja normalerweise alle. Jaha, selbstverständlich, „normalerweise“! Aber es gibt eben in der Schweiz nicht nur „normalerweise“, sondern auch zum Beispiel Walliserinnen. Ja! Oder eben auch Sankt Galler, so wie mich! Nichts könnte weiter auseinanderliegen, zumindest dialektal. Den Walliser Dialekt versteht niemand, aber alle finden ihn schön. Und den Sankt Galler Dialekt verstehen alle, aber niemand findet ihn schön. Es gibt eben nicht einfach nur den einen Schweizer Dialekt. Gut, man könnte sagen, es gäbe den einen Schwyzer Dialekt, aber das halte ich für ein Gerücht. Also „Schwyz“ an sich. Seien wir doch mal ehrlich: Schwyz. Das klingt doch sehr ausgedacht. Und zwar von jemandem, der gerade in flagranti erwischt wurde und in dem Moment erfindet, woher er wohnt!

„Und woher chunsch Du?“
„Schwyz“
„Jo scho, aber us welem Kanton?“
„Schwyz…“
„Jo klar… und dä Hauptort vom Kanton haisst worschinli…“
„Schwyz“
„Okay, jetzt aber fertig luschtig, wiä haisst Dini Gmaind?“
„Schwyz…“
„Wötsch du mich eigentlich verar…“

Erklär das mal einem Deutschen, der dreht durch. Wobei. Der dreht ja jetzt schon durch bei uns, so wie wir den behandeln. Gerade dann, wenn er sich anpassen will. Denn wenn ein Deutscher reines Hochdeutsch spricht, finden ihn alle arrogant. Aber wenn er versucht Schweizerdeutsch zu reden, äffen ihn alle nach! „Hallo ich bin en Tütsche und ich wörd mich gern anpasse, hoi zeme!“ Jaha, da lachen wir über den Gummihals! Lächerlich, wie der sich Mühe gibt für uns!

Es ist wirklich paradox. Wenn ein Deutscher ganz unbeholfen Schweizerdeutsch redet, so ganz spitzmündig, sanft und vorsichtig, wie so eine riesige deutsche Dogge, die im viel zu kleinen Schweizer Dialekt-Korsett herumtapst und stolpert wie ein Welpe – eigentlich mega herzig – wird er ausgelacht und verhöhnt.

Aber: Wenn ein stämmiger, Schweizer Bernhardiner mit seinem CHCHchchrrrr durch die elegante, hochdeutsche Sprache pflügt wie ein psychopathischer Phonetikpanzer, ist das vollkommen okay – im Gegenteil: Die Deutschen finden das dann sogar herzig! Es ist absurd.

Darum lassen Sie uns doch alle zusammen so lieb sein, wie es alle von uns denken. Gerade jetzt in diesen schwierigen Zeiten.

Es grüsst Sie
Ihr Lovekaiser

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