Neues vom Kaiser

Neues vom Kaiser

Niemand denkt an die Nazis

Liebes Volk

Ein gespaltenes Volk seien Sie, liest man in der Zeitung. Und das klingt dann immer so, als sei es fifty-fifty. Als ob es eine lustige Einstellungs- und Geschmacksfrage sei, sich impfen zu lassen. Die einen mögen Koriander, die anderen nicht, jenu, so ist es halt. Dabei gibt es eine Mehrheit, die geimpft ist, und eine Minderheit, die es nicht besser weiss. Und das formuliere ich bewusst genau so nüchtern (zu den weniger sachlichen Passagen kommen wir dann später, keine Sorge). Aber hier am Anfang ist es mir wichtig zu sagen, dass viele Menschen, die sich noch nicht haben impfen lassen (abgesehen von jenen, die das aus medizinischen Gründen nicht tun können) Angst haben und oder eben zu wenig wissen. Ich verstehe das Unbehagen (alle müssen sich auf einmal mit so einer Frage auseinandersetzen) und kann auch jede dieser spontanen Reaktionen und Fragen nachvollziehen, wie zum Beispiel: „Aber wie konnte denn der Impfstoff so schnell produziert werden?“ Was ich aber dann erwarte, ist, dass man diese Frage eben nicht einfach als unausgesprochene Antwort im Raum stehen lässt („ja wie denn, das ist doch gar nicht möglich!“), sondern sie wirklich stellt. Am besten einer Ärztin oder auch im Internet. Dort kriegt man nämlich sehr schnell mindestens fünf Artikel von glaubwürdigen Fachstellen und Zeitungen, die eine Antwort auf jede dieser Fragen haben, von der Impfproduktion über die verschiedenen Impfstoffe, die Impfreaktionen bis zu Ansteckungsgefahr und Wirkungsdauer. Da wird man um einiges schneller um einiges schlauer, als wenn man sich das ganze zweistündige Impfskepsis-Video von irgendeinem pensionierten Zahnarzt anschaut, das einem der eine komische Onkel in den WhatsApp-Familienchat gestellt hat. Ausserdem: Wir hatten jetzt auch wirklich lange genug Zeit, uns zu informieren. Oder anders gesagt: Logisch findet man es „absolut unrealistisch, dass man in so kurzer Zeit einen Impfstoff herstellen kann!!!“, wenn man selbst mehr als ein halbes Jahr braucht, um eine einfache Frage auf Google einzugeben.

Sie sehen, wir sind nun beim weniger verständnisvollen Teil des Textes angelangt, Gott sei Dank. Irgendwann ist ja auch mal gut. Die Impfung gehört zu den grössten medizinischen Errungenschaften der Menschheit, jetzt ist tatsächlich globale Pandemie, Millionen Menschen sind gestorben – und das BAG muss tatsächlich eine Konzerttour mit Stefanie Heinzmann, Stress und Baschi auf die Beine stellen, um die Schweizer Bevölkerung davon zu überzeugen, sich selbst zu schützen? Wobei die Strategie schon stark ist. Wäre ich nicht schon geimpft, würde ich es spätestens jetzt tun. Denn wenn ich noch einmal „Chum bringen hei“ von Baschi hören müsste, würde ich mir tatsächlich alles in die Arme spritzen lassen. Hauptsache, es hört auf.

Und gleichzeitig demonstrieren Menschen auf der Strasse gegen die Diktatur – wegen der Zertifikatspflicht. Weil sie sich in ihrer Freiheit beschränkt fühlen. In ihrer Freiheit… ein tödliches Virus zu verbreiten. So nach dem Motto: „Wenn ich nümä törf äs Cordon-Bleu frässä UND glichzitig Lüt aschteckä, denn isch das nümä mini Schwiz!“

Und bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich sage damit nicht, dass alle Impfgegner*innen auf diesen Demos Nazis sind. Viele von denen sind einfach so… sehr unangenehm.

Zum Beispiel eben dann, wenn man sie darauf anspricht, dass auf ihren Demos Nazis mitlaufen. Dann sagen sie: „Jo do cha doch ich nünt defür!“ Es ist völlig absurd. SIE laufen mit Nazis mit, aber wenn ICH sie darauf anspreche, sind SIE beleidigt? Klingt jeweils so, als würden sie sagen: „Jo nünt törf me mee! Was söli denn no machä! Ich ess scho weniger Flaisch, ich gang mitm E-Bike go schaffä, hol mis Gmües direkt vom Buurehoof – und jetz söli mi au no vo Nazis dischtanzierä? Irgendwenn hört’s also uf!

ICH TUÄ AIMOL IDÄ WUCHÄ HAFERMILCH IN KAFI DENN TÖRFI DOCH WOOL MITM NAZI-RENÉ UF BERN MARSCHIERÄ!?“

Wie gesagt: Unangenehm. Wahrscheinlich sogar den Nazis! Ich kann mir durchaus vorstellen, dass ein Nazi auf einer dieser Demos steht, sieht, wie irgend so eine verstrahlte Wickelrock-Esoterikerin mit blonden Dreadlocks und Batikponcho einen Davidstern auf den Betonboden pinkelt – und dann sagt: „Also bei aller Liebe zur Holocaust-Relativierung, aber das geht mir jetzt wirklich zu weit.“ Ist doch wahr! Niemand denkt an die Nazis! Und ihre Gefühle! Stell dir vor, du trittst ein für die Überlegenheit der weissen Rasse, White Power, Leni-Riefenstahl-Männlichkeit und dann drehst du dich um und siehst so einen pensonierten Primarlehrer dastehen, füdliblutt bis auf eine Atemschutzmaske, die er sich zum Protest als Unterhose angezogen hat.

Langer Rede kurzer Sinn: Nicht alle Ungeimpften sind Nazis und nicht alle Nazis sind ungeimpft. Wobei Letzteres ein bisschen schade ist, denn dann wäre wenigstens dieses Problem bald gelöst. Abgesehen von alledem möchte ich noch einmal betonen: Es ist okay, dass man sich Sorgen macht wegen der Impfung. Dass man sich gut überlegt, was man da macht. Aber wenn man auf die Expert*innen der Wissenschaft hört, kann man auf keinen anderen Schluss kommen als: Es gibt keinen guten Grund, sich nicht impfen zu lassen (ausser eben spezifische, medizinische Gründe). Und natürlich darf man Fragen stellen – ich wünsche mir nur, dass man dann auch an den Antworten interessiert ist.

Es grüsst Sie herzlich
Ihr Kaiser

Nach dem Salzburger Stier der PRIX WALO

Unser Kolumnist, Renato Kaiser, ist nicht nur Träger des Salzburger Stiers, sondern seit kurzem auch Gewinner des PRIX WALO.

Der PRIX WALO ist die wichtigste Auszeichnung im Schweizer Showbusiness. Jedes Jahr werden im Rahmen einer glamourösen Gala und TV-Live-Übertragung die erfolgreichsten Stars geehrt.

Am 7. November ging der 46. PRIX WALO über die Bühne. Renato Kaiser erhielt die begehrte Auszeichnung in der Sparte Kabarett/Comedy. Unter prixwalo.ch ist zu Renato Kaiser zu lesen:

“Seit 2005 ist er satiremässig aktiv und wurde 2012 Poetry-Slam Schweizermeister. 2020 ehrt Salzburg den Ostschweizer Renato Kaiser mit seinem Stier. Der Mann aus Goldach, SG, gehört zum Team der Satire-Radiosendung «Zytlupe» und war auch bei Michael Elseners TV-Nightshow «Late Update» aktiv. Im Herbst 2019 moderierte er die Fernsehsendung «Tabu» und verbrachte vier Tage mit vier Menschen, die man zu Randgruppen oder Minderheiten zählte. Er nimmt sich «Zeit für entwaffnenden Humor», verabreicht auch gern mal «Kaisers Körnerbrot» und lässt sich über Katzenschlecken aus. Er balanciert zwischen Vernunft und Wahnsinn, zwischen Vordergrund und Hintersinn und verabreicht eine Mischung aus Satire, Spoken Word und Comedy.”

Der Wellenbrecher gratuliert herzlich.

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