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Neues vom Kaiser

Rorschach sehen und sterben

Liebes Volk,

Es ist ein trauriger Tag: Richard Falk, unser Gemeindeschreiber, verlässt uns. Also keine Angst, er lebt noch. Aber: Er wechselt von Goldach nach Rorschach. Das heisst: Er ist für uns gestorben. Aber keine Angst, das hier wird kein geschmackloser Nachruf, keine launige Abhandlung über ein Ableben im übertragenen Sinne, nein. Dafür sind die Zeiten zu ernst und der wahrhaftige Tod zu allgegenwärtig. Schliesslich habe ich mich in den letzten zwei Jahren, wahrscheinlich auch hier im Wellenbrecher, oft genug über das seltsame Verhältnis zum Tod in unserer Gesellschaft ausgelassen. Während der Pandemie haben ja viele Menschen auf einmal den todesmutigen, wenn nicht sogar lebensmüden, Kalenderspruchpoeten in sich entdeckt. Sobald es um das Einhalten der Massnahmen, die Impfung und den Schutz der Risikogruppen ging, proklamierten einige allzu hastig: „Ach komm schon! Der Tod gehört zum Leben dazu!“ Und da fand ich jeweils: „Ja schon! Aber leben… finden wir schon besser, oder?“ Und sie sagten: „Weisst du, du könntest jederzeit von einem Bus überfahren werden!“ Ja natürlich! Aber du läufst trotzdem über den Zebrastreifen und schaust links und rechts, Du Aushilfsplaton! Du Yolo-Prolo! Schliesslich versuchen wir ja unser ganzes Leben lang alles Menschenmögliche, um am Leben zu bleiben! Sogar Adrenalinjunkies wollen lieber leben. Kein Draufgänger will draufgehen. Bungeejumping zum Beispiel ist ja auch nur so beliebt… wegen des Gummiseils! Stellen Sie sich vor, Sie gehen zum Bungeejumping und auf dem Schild steht, das Seil sei manchmal eventuell ein bisschen zu lang. Und darunter steht: „Aber hey: Der Tod gehört zum Leben dazu!“ Da wären Sie aber beruhigt, gell?

Denn natürlich können wir jederzeit von einem Bus überfahren werden. Aber wenn es passiert, finden wir es wahrscheinlich alles nicht so prickelnd. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand über die Strasse läuft, von links kommt ein Bus, er sieht es zu spät, und in der letzten Sekunde, die er noch hat, sagt er: „Du hey, so ist das Leben. Meine Zeit ist gekommen, so läuft das Spiel. Der kosmische Plan ist aufgegangen, mein Schicksal ist erfüllt: Ich bin jetzt also der, der vom Bus überfahren wird. Take one for the Team, hehe, ja. Den nehm ich. Den Bus. Hehe, oder er mich, gell, ja. Wie oft schon hab ich den Bus nicht erwischt und jetzt erwischt der Bus mich, tja. Der Tod gehört zum Leben dazu.“ Nein, das denken wir nicht! Kurz bevor uns der Bus erfasst, denken wir höchstens: „Aaaaaah Mist, was für ein Klischee.“

Apropos Klischee: Richard Falk. Das ist er nämlich. Ein Klischee. Aber nicht so, wie Sie denken. Er ist nicht das wandelnde Klischee eines Gemeindeschreibers, sondern: Eines Fussballers. Wäre er nämlich das wandelnde Klischee eines Gemeindeschreibers, dann wäre er eben nicht wandelnd, sondern er würde bleiben. Bis dass der Tod die Gemeinde und ihn scheide. Aber Richard Falk ist nicht einfach nur ein sehr talentierter und begehrter Gemeindeschreiber, nein. Richard Falk ist zudem ein sehr guter Fussballer. Ja, wissen die wenigsten, ich schon. Denn ich habe mit ihm Fussball gespielt, seit ich ihn in der Melodia Goldach (vor zirka hundert Jahren) kennengelernt habe. Und seither ist er keinen Tag gealtert und spielt immer noch wie ein junger Fussballgott. Also im Kopf. Im Geiste. Wir alle wissen: Sein Körper macht da nicht mehr mit. Richard Falk ist, sagen wir es, wie es ist, ein Wrack. Die Füsse schmerzen, die Knie machen nicht mehr mit, der gekrümmte Rücken formt jeden Tag das Fragezeichen zur Frage: Welche Praktikantin trägt mich heute in den Pausenraum? Nachdem er nun also jahrzehntelang im Nebenerwerb Gemeindeschreiber war und im Haupterwerb auf den Anruf des FC Barcelona wartete, hat mittlerweile auch er eingesehen, dass es mit der grossen Profifussballkarriere nichts mehr wird. Aber den Traum vom einen grossen Transfer hat er nicht aufgegeben – und der ist jetzt endlich wahr geworden. Richard Falk stellt sich zum Ende seiner Karriere nochmal einer grossen Herausforderung im Ausland. Der letzte grosse Wechsel. Und sein neuer Arbeitgeber hat tief in die Tasche gegriffen, um den Transfer zu ermöglichen. Ich weiss nicht, um welche Summen es sich handelt, aber hinter vorgehaltener Hand spricht man in Rorschach bezüglich dieser Verpflichtung nur noch vom ultimativen direkten Finanzausgleich.

Richard Falk möchte also auf die alten Tage hin nochmal die Welt sehen. In Rorschach. Bitte, nehmen Sie es ihm nicht übel und legen Sie ihm keine Steine in den Weg. Nicht in dem Alter, das ist gefährlich.

Ich für meinen Teil wünsche ihm von Herzen alles Gute und Ihnen, liebes Volk, einen Gemeindeschreiber, der in die grossen Fussstapfen, die Richard Falks ergonomische Gesundheitsschuhe hinterlassen, zu treten vermag.

Es grüsst Sie herzlich

Ihr Kaiser

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