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Richard Falk und Lukas Länzlinger im Interview: Ein Gespräch mit dem Goldacher Gemeinderatsschreiber und seinem Nachfolger

Nach 20 Jahren auf der Gemeindeverwaltung Goldach wechselt Gemeinderatsschreiber Richard Falk nach Rorschach. Steueramtsleiter Lukas Länzlinger tritt die Nachfolge an. Ein Gespräch über Herausforderungen, Höhepunkte und Heimat.

Richard Falk sieht man in Goldach jeden Tag. Morgens, mittags und abends, wenn er ins Rathaus oder wieder nach Hause läuft. Lukas, du müsstest dafür ziemlich früh aufstehen. Zügelst du jetzt vom Rheintal an den See?

Lukas Länzlinger: Nein, ich habe meine Familie in Montlingen und werde deshalb weiterhin mit dem Auto zur Arbeit fahren. Ein Umzug ist nicht geplant. Auch wenn mir Goldach natürlich gefällt.

Was gefällt dir hier?

LL: Goldach ist sehr innovativ, auch in der Verwaltungsarbeit. Das wird über die Regionsgrenzen hinaus wahrgenommen. Während meiner Zeit in der Gemeinde Oberhelfenschwil habe ich mich immer wieder mal an Goldach orientiert, wenn es etwa um Entwicklungen im eGovernment ging.

Das spricht für deine Arbeit, Richard.

Richard Falk: Das spricht vor allem für die Arbeit des Gemeinderats und der ganzen Verwaltung.

Diese Arbeit hast du die vergangenen 20 Jahre mitgeprägt. Wenn du zurückschaust, worauf bist du stolz?

RF: Darauf, dass wir früh voll auf die Digitalisierung gesetzt haben. Die digitale Geschäftsverwaltung haben wir als eine der ersten Gemeinden im Kanton eingeführt und – wo immer möglich – konsequent durchgezogen. Auch ausserhalb des Rathauses war Goldach innovativ. Zum Beispiel bei der Zentrumsentwicklung mit Umfahrung und Vorsignalisationen. Ich kenne keine andere Gemeinde im Kanton, wo dir angezeigt wird, ob die Barriere am Ende der Strasse gleich schliesst und du besser die Umfahrung nimmst. Es war mutig vom Gemeinderat, dies so umzusetzen.

Und nicht einfach.

RF: Ja, die Zentrumsentwicklung war sicher das komplexeste Projekt während meiner Tätigkeit. Es gab viele Hürden. Industriegleise, Bachoffenlegung, Abgleichungen mit den SBB: Das alles zusammenzuhängen, war eine riesige Herausforderung für alle Beteiligten, allen voran für die Bauverwaltung. Dass die Umfahrung so schnell realisiert werden konnte, hatten wir nicht erwartet. Daran habe ich wahnsinnig Freude. Und es folgen noch weitere Etappen.

Ausgerechnet jetzt nimmst du den Hut. Wurmt dich das nicht?

RF: Doch. Klar, das ist irgendwo schade. Ich gehe auch mit einem weinenden Auge, nicht nur wegen der Arbeit. Wir haben eine coole Verwaltung, hier arbeiten lässige Leute, die bereit sind, spezielle Projekte umzusetzen. Dazu gehört Lukas. Lukas, dich hatte ich von Anfang an im Hinterkopf, als ich an meine Nachfolge dachte. Du bist viel breiter aufgestellt als «nur» im Steuerbereich. Du bringst den richtigen Rucksack mit und bist IT-affin. Das macht mir den Abschied leichter. Denn ich weiss: Hier geht es weiter vorwärts.

LL: Ich starte als Gemeinderatsschreiber auf einer super Grundlage, das ist ein grosser Vorteil. Dennoch habe ich den notwendigen Respekt vor den grossen Fussstapfen, die du hinterlässt, Richi. Anders als du bin ich nicht von hier, ich bin nicht hier aufgewachsen.

Muss man das als Gemeinderatsschreiber denn überhaupt?

RF:  Nein. Es kann sogar ein Vorteil sein, nicht in derselben Gemeinde zu wohnen. Ich bin hier im Vereinsleben engagiert. Da kam es immer wieder vor, dass ich in der Freizeit Gemeinderatsentscheide erklären musste, weil man mich halt damit verbindet. Meistens bei umstrittenen Geschäften. Als die Gemeinde damals das Kabelnetz der Schefer AG kaufen wollte, war ich die ganze Zeit am Erklären (lacht). Aber man ist in erster Linie Verwaltungsangestellter und kein gewählter Politiker wie der Gemeindepräsident.

Was macht einen guten Gemeinderatsschreiber aus?

RF: Ich finde es wichtig, dass man sich mit der Arbeit des Gemeinderats identifizieren kann. Wenn der Gemeinderat kritisiert wird, fühle ich mich genauso kritisiert. Selbst wenn ich keine Entscheidungen fälle, liefere ich schliesslich die Grundlagen dafür.

Wann warst du in einer solchen Situation?

RF: Als wir die Grundsatzabstimmung über eine mögliche Fusion mit Untereggen «verloren» hatten, im Jahr 2008. Da floss so viel Arbeit rein. Und doch ist es uns nicht gelungen, den Stimmberechtigten die Chancen aufzuzeigen. Beispielsweise, dass der Kanton damals zehn Millionen Franken für eine Fusion gesprochen hätte. Nach dem Nein an der Urne kamen Leute auf mich zu und sagten: «Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich Ja gestimmt.» Da denkst du dir dann: Gopf!

Wo lag das Problem? Mangelnde Kommunikation?

RF: Schwierig zu beurteilen. Die «richtige» Art der Kommunikation zu treffen, finde ich einen der herausforderndsten Teile dieses Jobs. Wie erreiche ich alle Stimmberechtigten, egal welchen Alters? Grundsätzlich finde ich es aber schade, dass ein Teil der Bevölkerung die Arbeit des Gemeinderats nicht wirklich zur Kenntnis nimmt. Manchmal hat man das Gefühl, da wird das Stimmbüchlein oft gar nicht durchgelesen, sondern einfach aus dem Bauch heraus entschieden.

LL: Das politische Interesse ist nicht überall gleich gegeben. Häufig verwechseln die Leute eine Grundsatzabstimmung mit der «finalen» Abstimmung. Das habe ich in einem Gemeindevereinigungsprozess genauso erlebt. In der Grundsatzabstimmung geht es zunächst darum, eine Idee überhaupt vertieft zu prüfen.

Eine solche Grundsatzabstimmung steht in Goldach demnächst an: Die mögliche Übernahme des Theaterprovisoriums St.Gallen. Das dürfte eines deiner ersten grossen Projekte werden, die du als Gemeinderatsschreiber begleiten wirst, Lukas.

LL: Ja, deshalb verfolge ich dieses Thema schon intensiv. Ich finde das Projekt extrem spannend und bin gespannt, was dabei herauskommen wird.

Wie geht man ein solches Vorhaben kommunikativ an?

LL: Weniger ist mehr. Lieber kurze, kompakte Texte, die sich auf den Kern beschränken, statt zu viele und zu lange Mitteilungen. Damit der Sachverhalt ankommt und die Leute mit Informationen nicht überschwemmt werden.

RF: Mit dem Wellenbrecher haben wir ein tolles Instrument, das die Leute schätzen. Ich werde regelmässig auf Artikel angesprochen. Darauf wollen wir aufbauen, mit der Hybridlösung. Der Schnellleser hat die Zusammenfassung im Heft. Wer mehr will, kommt via QR-Code zum digitalen Konzept.

Stichwort Digitalisierung. Wo hat Goldach Nachholbedarf?

RF: Das kannst du besser beurteilen, Lukas. Du hast den Aussenblick.

LL: Optimierungsmöglichkeiten gibt es natürlich immer. Beispielsweise fehlen meines Erachtens im Baubereich teils digitale Lösungen, die den Prozess unterstützen. Auch im Finanzbereich sind weitere Automatisierungen vorstellbar. In der Steuerverwaltung ist die Digitalisierung sehr fortgeschritten und so schaffen wir mit weniger Leuten mehr als noch vor 20 Jahren.

Wie hat sich die Verwaltungsarbeit sonst noch verändert?

LL: Sie ist komplexer geworden. Wer heute so arbeitet wie vor 20 Jahren, bekommt Probleme.

Was bedeutet das für die Personalpolitik?

RF: Wir müssen uns besser um den Nachwuchs kümmern. Das beginnt bei den Lernenden. Früher kamen die Bewerbungen schon vor der Stellenausschreibung rein. Wir hatten die Qual der Wahl. Das ist vorbei. Wir müssen aufpassen, dass wir überhaupt noch geeignete Lernende finden.

LL: Und dass sie dann auch bleiben.

RF: Genau. Die Ausbildung auf der Gemeinde ist unter den KV-Lehren in meinen Augen nach wie vor die vielseitigste. Man lernt fürs Leben und hat eine solide Grundausbildung. Unsere ehemaligen Lernenden arbeiten heute in den unterschiedlichsten Branchen.

Würdet ihr heute nochmals den gleichen beruflichen Weg einschlagen?

LL: Eindeutig. Mir hat es immer gefallen. Ich hätte mir zwar durchaus vorstellen können, einmal in die Privatwirtschaft zu wechseln, war aber einfach zu gerne auf der Verwaltung. Ich konnte an meiner letzten Arbeitsstelle in vielen Bereichen arbeiten und habe die ganze Vielseitigkeit kennengelernt.

RF: Deshalb musst du in die Kanzlei! (lacht) Ich könnte auf der Verwaltung keinen anderen Job machen als den des Gemeinderatsschreibers. Alles andere wäre mir zu spezialisiert. Als Schreiber deckst du alles ab, vom Nachbarn, der zu laut ist, bis zum Grossbauprojekt. Das ganze Leben halt. Auch wenn sich in gewissen Bereichen Routine einstellt, wird es nie langweilig. Noch mehr Abwechslung bekomme ich bald am neuen Ort.

Wieso hast du dich für Rorschach entschieden?

RF: Rorschach ist anders, eine Stadt. Goldach will und wird das nie sein. Da warten andere Probleme und Herausforderungen, das hat mich gereizt. Ich hätte auch bis zur Pensionierung in Goldach bleiben können, mir gefällt es hier. Aber ich wollte die Chance nutzen, mit 53 etwas Neues zu wagen und meine Komfortzone zu verlassen. Und so mache ich Platz für dich, Lukas.

L: (lacht) Auch ich verlasse meine Komfortzone, das Steueramt.

Ende Mai ist es soweit, dann ist deine Zeit auf der Gemeindeverwaltung Goldach vorbei, Richard. Wie ist die Gefühlslage?

RF: Speziell. Viele Arbeiten erledige ich in diesen Tagen zum letzten Mal. Ich habe mich all die Jahre stark mit der Gemeinde identifiziert. Sie war und ist für mich nicht bloss ein Arbeitgeber. Sie ist «mein» Goldach. Mein Zuhause. Und das wird sie bleiben.

Gemeinderatsschreiber Richard Falk wechselt per 1. Juni als Stadtschreiber nach Rorschach. Der Gemeinderat hat den bisherigen Leiter des Steueramts, Lukas Länzlinger, als Nachfolger gewählt. Er ist 43 und lebt mit seiner Familie in Montlingen. Seit Februar 2020 leitet er das Steueramt. Lukas Länzlinger ist patentierter Rechtsagent und Betriebswirtschafter HF. Aus seiner Zeit auf der Gemeindeverwaltung Oberhelfenschwil bringt er Erfahrung in verschiedenen Verwaltungsabteilungen mit. Neuer Steueramtsleiter wird Marcel Helfenberger, der derzeit als Leiter Steuern und Finanzen auf der Gemeindeverwaltung Tübach tätig ist.

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