Renato Kaiser

Neues vom Kaiser

Mitleid mit Reichen

Ich habe kein Mitleid mit Reichen.

So, jetzt ist es raus. Ja, ich weiss, das ist eine sehr kontroverse Meinung, aber: Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!

Dass das eine dermassen kontroverse Meinung ist, sieht man jedes Mal, wenn wieder eine Initiative vors Volk kommt, die verlangt, dass Superreiche mehr Steuern zahlen. Jedes Mal, wenn es in der Schweiz darum geht, dass die Leute, die sehr viel Geld haben, ein bisschen mehr von ihrem Geld an die Gemeinschaft zurückgeben sollen, sagen die Leute, die nur ein bisschen Geld haben: «Du nai, isch grad guät, merci.» Einfach so! Woher kommt nur Selbstlosigkeit? Warum funktionieren wir so?

Also gell, ich sag jetzt einfach mal «wir», weil ich davon ausgehe, dass die meisten Leser*innen hier keine Multimillionär*innen und Milliardär*innen sind. Oder… noch nicht, gell…? Viele aus dem Mittelstand haben sich ja lange gedacht, sie werden einfach auch irgendwann mal so reich. So nach dem Motto: «Wann werd ich endlich Multimillionärin? Ich hab doch das KV gemacht???»

Es ist alles so absurd. Irgendwelche Multimilliardär*innen grillieren mit ihrem Turbokapitalismus unseren Planeten in die Klima-Apokalypse und schiessen sich mit ihren persönlichen Raketen-Penissen ins Weltall, um sich irgendwann mal auf dem Mars fortzupflanzen – und wir sitzen immer noch zuhause und schauen «Wer wird Millionär?» Dabei ist die Antwort auf die Frage «Wer wird Millionär» ziemlich einfach: Du nicht! Denn bei der letzten Frage des Spiels weisst du nicht, wie gross das Vermögen von Jeff Bezos wirklich ist und musst mit 8000 Franken nach Hause, tja.

Und ja, ich weiss: In der Schweiz gibt es die Sendung «Wer wird Millionär» schon lange nicht mehr. Logisch. Schliesslich interessiert es uns in der Schweiz weniger, wer Millionär wird, sondern mehr, wer Milliardär bleibt.

Unser Steuersystem ist so etwas wie ein Non-Profit-Organisation für Grossprofite. Aktien ohne Grenzen. Brot für das Geld. Spende für die Dividende. «Du do waisch wenigschtens wo’s anächunt gell!» Reiche in der Schweiz sind die wahrscheinlich bestgeschützte Minderheit überhaupt. Die brauchen unser Mitleid nicht.

Das ist nicht böse gemeint. Und auch nicht persönlich, ich kenne die ja gar nicht. Die wenigsten unter uns können sagen: «Ich habe ja gar nichts gegen Reiche, einige meiner besten Freunde sind Reiche!» Zumindest ich nicht. Ich persönlich kenne mehr Richis als Reiche.

Trotzdem denkt sich bei jeder dieser Abstimmungen eine überwältigende Mehrheit: «Nein! Wir können doch nicht mehr Steuern von denen verlangen, sonst, sonst… hauen die ab!»

Du hey, wer weiss, ja: Vielleicht machen sie das wirklich. Aber ich persönlich warte das gerne ab. Das Risiko gehe ich gedanklich gerne ein. Auf jeden Fall lieber, als dass ich ihnen diese Ausrede schon im Voraus nicht nur als valide durchgehen lasse, sondern auch noch auf dem Servierteller präsentiere. Nein, das sollen sie ruhig selbst sagen müssen. Sollen sie doch selbst mal schlüssig erklären, wie das als selbsternannte stolze Schweizer Unternehmer*innen aufgehen soll. Das müssen wir ihnen nicht auch noch abnehmen. Wir arbeiten bereits für sie, unser Geld arbeitet für sie und jetzt erarbeiten wir ihnen auch noch ein Argumentarium?

Nein. Ich finde, da müssen die jetzt mal selbständig werden. Und bisschen arbeiten für ihr Geld. Denn ich habe ja wirklich nichts persönlich gegen Reiche. Aber die ganze Arbeit müssen wir ihnen schon nicht abnehmen.

Es grüsst Sie
Ihr Kaiser

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Hinweis zum Veranstaltungskalender

In der Printausgabe des Wellenbrechers hat sich ein kleiner Fehler im Veranstaltungskalender eingeschlichen. Deshalb finden Sie hier die aktualisierte und korrekte Version des Veranstaltungskalenders für den Oktober.

Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Entdecken der Veranstaltungen!