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Renato Kaiser

Apérol Abnehmspritz

Liebes Volk,

Yes! Endlich! Historisches ist passiert! Ein grosser Moment in der Geschichte der Menschheit. Endlich gibt es ein richtig gutes Medikament wegen Diabetes!

Moment. Meint er nicht gegen? Nein, Sie haben richtig gelesen. Wegen! Wegen der Diabetesforschung haben wir einen Wirkstoff namens Semaglutid, der Appetitlosigkeit auslöst und dementsprechend zu massivem Gewichtsverlust führt. Und was ist passiert? Die Schönheitsindustrie hat es für sich entdeckt und verkauft es als Abnehmspritze. Darum an dieser Stelle einfach mal ein grosses Dankeschön an alle Diabetes-Patient*innen auf der ganzen Welt. Merci. Dank Ihnen und Ihrem jahrzehntelangen Leidenskampf haben wir jetzt endlich ein Medikament für etwas, das wirklich wichtig ist, nämlich: In einer Badehose gut auszusehen.

Denn darum geht es doch. Gerade jetzt, im Sommer: Dass wir uns nicht schämen müssen in der Badi. Bis jetzt gab es diesbezüglich ja genau zwei Optionen: Unrealistischer Körperkult oder Body Positivity. Entweder mental stark sein, um den Körper zu erreichen, den man sich wünscht. Oder mental stark sein, um den Körper zu akzeptieren, den man hat.

Klar stösst dann so eine Abnehmspritze auf offene Ohren und Venen. Der Abnehmwahn ist uns ja schon lange ein Dorn im Fleisch. Wir sollten uns da wirklich mal ein bisschen entspannen. Wir müssen doch gar nicht so aussehen wie die auf Instagram. Warum auch!? Im Gegenteil! Die sind doch dafür da! Viele von denen machen das sogar hauptberuflich! Wenn einer auf Insta sagt, er sei deswegen so schön und erfolgreich, weil er um 04:30 Uhr aufsteht und als Erstes zwei Stunden ins Gym geht, dann schau ich das um 09:00 Uhr an, mit einem Konfibrot in der einen und einer heissen Schoggi in der anderen Hand, und denke: «Ja genau. Du machst das richtig! Schön pumpen! Und jetzt tanz für mich, Du Affe, tanz!»

Ganz ehrlich: Sollen doch die auf Insta zeigen, was man aus dem menschlichen Körper alles herausholen kann. Ich bleib daheim und zeige, was ich aus Insta herausholen kann. Nämlich sechseinhalb Stunden Bildschirmzeit pro Tag! Da hätte bis vor ein paar Jahren auch niemand gedacht, dass der menschliche Körper zu so etwas fähig ist. Und nein, natürlich ist das nicht gesund. Aber das ist genau der Punkt: Die einen entwickeln Ess-Störungen und Haltungsschäden, weil sie athletisch sein müssen auf Social Media und die anderen entwickeln Ess-Störungen und Haltungsschäden, weil sie denen dabei zusehen müssen. Das ist die Evolution der Menschheit. Ein einziger Kreislauf der Selbstverstümmelung.

Daraus müssen wir ausbrechen! Einfach schön gemütlich, schwabbelig und glücklich, mit einem guten Körperfettanteil (damit uns die nächste Grippewelle nicht dahinrafft) auf dem Sofa sitzen und ab und zu einen Film schauen, in dem Hugh Jackman völlig unnötig übermenschlich aussieht. Gell, ja: Der Hugh Jackman! Hai nomol! Wie macht der das nur!? So ein fünfzigjähriger Mann mit einem Körper wie ein Modell-Athlet auf Steroiden…? Ja wahrscheinlich… mit Steroiden! Die arme Sau!

Und andere in Hollywood spritzen sich eben andere Sachen, zum Beispiel dieses Abnehm-Medikament. Da fand ich das Fettabsaugen damals irgendwie ehrlicher. Echter. Vor allem jene, die sich das Fett von der Hüfte in den Hintern gespritzt haben oder vom Hintern in die Lippen. Das war noch Selbstversorgung! Aus der Region für die Region. Fett aus lokalem Anbau, nachhaltig wiederverwertet. PET mit Fett.

Und Recycling ist das richtige Stichwort. Mittlerweile hat sich nämlich herausgestellt, dass die Abnehmspritze für den Wunsch nach ewiger Schönheit alles andere als nachhaltig ist. In den USA redet man schon vom sogenannten «Ozempic-Face». Weil die Prominenten dank «Ozempic», diesem Abnehm-Medikament, in so kurzer Zeit so viel Gewicht verlieren, wird ihr Gesicht schlaff, fällt ein und wirft Falten – es lässt sie im wahrsten Sinne des Worts alt aussehen. Und müssen sie sich dann wieder operieren lassen. Das ist das Perpetuum Mobile der Schönheitschirurgie.

Um ihr Gesicht wieder herzurichten, brauchen sie dann Liftings, künstliche Filler und… Fett-Transplantationen! Und da kommen wir ins Spiel. Denn woher soll das Fett kommen, wenn sie selbst keines mehr haben? Sie ahnen es schon. Da schliesst sich der Kreis. Wir haben immer gemeint, wir wollen etwas von den Reichen und Schönen? Oh no! Die wollen etwas von uns! Und zwar unser Fett. Ist das nicht schön? Wir müssen also nichts weiter machen als gemütlich zuhause sitzen, uns ein bisschen gehen lassen, Eigenfett produzieren und dann an die Meistbietenden versteigern. Das ist der Circle of Life. The Survival of the Unfittest. Das ist die gerechte Umverteilung von unten nach oben. Von unseren Hintern direkt ins Gesicht von Kim Kardashian.

Es grüsst Sie
Ihr Kaiser

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