Filipp Fässler kniet auf der Wiese vor der evangelischen Kirche und platziert vorsichtig ein Grüppchen Schneeglöckchen in zuvor von ihm ausgehobene Löcher. «Die sind ja wunderschön, bei diesem Anblick freut man sich so richtig auf den Frühling», sagt eine ältere Frau, die mit ihrem Hund auf dem Trottoir vorbeispaziert. Fässler schmunzelt zufrieden, denn dies sind genau die Reaktionen, die er hofft, mit seinem Engagement auszulösen. «Schneeglöckchen sind ebenso wie Krokusse typische Frühlingsboten. Wenn diese zu blühen beginnen, dann werden die Tage länger und heller. Nach den vielen trüben und nebligen Wochen ist das eine Wohltat für Herz und Geist», sagt der 70-Jährige und rammt sein rundes Ausstecheisen in den Boden, das er eigens bei einem Schmid anfertigen liess.
Dort, wo nur Rasen ist, gibt er etwas Dünger in die Erde, pflanzt er die Schneeglöckchen am Rand von Rabatten in der Nähe von Büschen, ist das nicht nötig, an solchen Stellen werden die Galanthus nivalis, wie sie lateinisch heissen, vom Laub natürlich gedüngt.
Zustimmung aus der Bevölkerung
Wenn die Vorfrühlingsboten ihre Köpfe in die kalte Luft recken, um ihre bezaubernden Blüten zu öffnen, schlägt so manches Herz höher. Filipp Fässler hat seine Leidenschaft für Schneeglöckchen vor fünf Jahren entdeckt, seither hält er nach Weissröckchen, wie sie auch genannt werden, Ausschau. Es ist hauptsächlich das gewöhnliche Schneeglöckchen, das es ihm angetan hat. Dieses bildet auf Wiesen und besonders gerne entlang von Bächen dichte, weisse Teppiche. Findet er eine Ansammlung davon, fragt er bei den Grundbesitzern nach, ob er einige davon ausstechen darf. Mit einer Ausnahme hat er bis jetzt immer die Erlaubnis dafür erhalten. «Eine Bäuerin im Thurgau hatte Bedenken, es könnte im Boden Löcher geben. Sie hat mir dann doch zugesagt, ich habe aber keine weggenommen, um sie nicht zu beunruhigen.»
In Goldach setzt er die Schneeglöckchen auf öffentlich einsehbaren Plätzen ein, wo Bäume und Sträucher dominieren und Frühlingsblüher fehlen. Wie beispielsweise diese Woche auf der Wiese zwischen der evangelischen Kirche und dem Rosenacker-Schulhaus. Uschi Bolt vom nahen Turm-Café beobachtet ihn bei der Arbeit und findet es grossartig, was er macht. Sie sagt, sie freue sich über die bezaubernden Akzente, welche die weissen Blüten auf der Wiese setzten, und fügt mit einem Lachen hinzu, sie finde es auch toll, dass Filipp Fässler seine schmutzigen Stiefel vor der Türe ausgezogen habe, ehe er sich einen Kaffee bei ihr gönnte.
Goldach soll Hochburg der Schneeglöckchen werden
Fässler beschränkt seine Aktion meist auf zwei Tage. Er ist denn auch kein «Galanthophiler», wie sich «Schneeglöckchen-Verrückte» selbst bezeichnet, er hat aber dennoch eine klare Vision. «Mein Ziel ist es, dass Goldach in zehn bis 15 Jahren weithin als Gemeinde der Schneeglöckchen bekannt ist.» Daher wäre es schön, sagt er, wenn möglichst viele Grundstücksbesitzerinnen und -besitzer ebenfalls Schneeglöckchen pflanzen würden. Dafür müsse man nicht wie er Schneeglöckchen ausstechen, in Gartencentern seien Zwiebeln von Schneeglöckchen zu haben, wobei diese im Herbst eingepflanzt werden sollten.
«Ich finde die Initiative von Filipp Fässler hervorragend und freue mich über sein Engagement ausserordentlich», sagt Goldachs Gemeindepräsident Dominik Gemperli. Falls es Fässler gelinge, dass Goldach dereinst als «Schneeglöckchen-Gemeinde» neue Berühmtheit erlange, umso besser. Generell wolle der Gemeinderat Aspekten rund um das Thema Biodiversität mehr Beachtung schenken. Insofern seien die Bemühungen von Filipp Fässler sehr willkommen.
In der Region Rorschach ist Fässler kein Unbekannter. Spätestens seit er vor elf Jahren die grösste Marroni-Plantage nördlich der Alpen angelegt hat, ist der Name des früheren Gemüsebauern geläufig. Dieses Jahr hat er die ersten Schneeglöckchen schon früh, am 29. Dezember, entdeckt. Die kleinen, weissen Blüten hatten eine Schneedecke durchstossen. Das ist nicht weiter ungewöhnlich, denn beim Wachsen erzeugen die zarten Triebe Biowärme und bringen damit den Schnee um sich herum zum Schmelzen. Daher heissen Schneeglöckchen in Frankreich auch «perce-neige», was so viel wie «Schneedurchbohrer» bedeutet. In Europa und Vorderasien gibt es um die 20 Schneeglöckchen-Arten. Die zarten Frühlingsboten haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zu begehrten Sammlerobjekten entwickelt. Für eine Zwiebel der Züchtung «Golden Fleece», sie hat goldene Zeichnungen auf den inneren und äusseren Blütenblättern, wurden beispielsweise schon über 2000 Franken bezahlt.
Ein Kommentar
Goldach, die Hochburg der Schneeglöckli – ist ja super Herr Fässler.
Gibt es nicht noch höher gesteckte Visionen zur Tourismusförderung für Goldach
z.B. Neubau Hotel Rietli, Leuchtturm am Seeufer (das Wasser des Bodensee fliesst ja schliesslich in die Nordsee), Wasserspiele am Seeuferweg, Rundweg um den Schlossweiher mit Besichtigungplattform, Aktivierung des Ratsfelsen der Pfadi-Seebuebe uVm.
NB. Bin im Rietli aufgewachsen und verfolge die Aktivitäten in Goldach.