Wissen Sie, vor einem Jahr sah die Welt noch anders aus. Da sass ich in meiner Wohnung, starrte auf die hohen Schwellen und die steile Treppe und dachte: «Martha, das war’s dann wohl. Jetzt kommt das Abstellgleis.» Ich hatte Angst. Angst vor dem Geruch nach Desinfektionsmittel, Angst vor dem Autonomieverlust und – am schlimmsten – Angst davor, nur noch eine Nummer in einem Pflegebett zu sein.
Heute, ein Jahr später, muss ich über diese Martha von damals schmunzeln.
Der Sprung ins kalte Wasser
Der Eintritt ins La Vita war wie ein Umzug in eine WG, nur dass man nicht mehr selbst abwaschen muss. Das Beste am Anfang? Die neue Bibliothek im Foyer. Dort habe ich meinen ersten «Komplizen» getroffen. Wir haben uns über einen alten Gotthelf-Roman unterhalten und schwupps, war ich in der Jass-Runde integriert. Heute klopfen wir den Schieber, dass die Tische wackeln. Und wissen Sie was? Wenn ich verliere, ärgere ich mich genauso herrlich wie vor vierzig Jahren. Man bleibt eben man selbst.
Muskelkater und Lachfalten
Zweimal die Woche gehe ich zur Aktivierung beim Turnen. Wer denkt, wir sitzen da nur rum und kreisen die Daumen, der täuscht sich gewaltig! Wenn wir mit den bunten Bändern arbeiten, fühle ich mich manchmal wie eine junge Turnerin – zumindest im Kopf. Mein Körper erinnert mich danach zwar mit einem sanften Ziehen daran, dass ich 85 bin, aber dieses Gefühl, noch beweglich zu sein, ist unbezahlbar. Es geht nicht um Olympia, es geht darum, dass ich mir meine Socken noch alleine anziehen kann. Das ist meine persönliche Goldmedaille.
Einfach sein dürfen
Was ich den Jungen und den Zögerlichen da draussen sagen will: Ein Pflegeheim ist kein Gefängnis. Es ist ein Ort, an dem die Last des Alltags – das Kochen, das Putzen, die Angst vor dem Stürzen in der Nacht – von einem abfällt.
Hier im La Vita kann ich einfach sein. Wenn ich meine Ruhe will, ziehe ich mich in mein Zimmer zurück. Wenn ich unter Leute will, gehe ich ins Foyer. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen. Ich blicke oft zurück auf mein Leben, auf meinen Garten von früher und auf meinen verstorbenen Mann. Das darf sein. Aber ich schaue auch nach vorne: auf den nächsten Jass, auf das nächste Lachen beim Turnen und ja, auf das nächste perfekt gebratene Spiegelei am Morgen.
Das Altern ist kein Rückzug, es ist eine neue Form von Freiheit. Man gibt den Schlüssel zur Wohnung ab, aber man bekommt den Schlüssel zu einer Gemeinschaft zurück.
Herzlichst, Martha (Die jetzt zum Turnen muss – meine Knie warten schon!)