Liebes Volk,
Es ist mir eine Freude, verkünden zu dürfen: Wir sind schwanger. Und zwar: Mit einem E-Cargobike. Ja, herzlichen Dank, die Glückwünsche sind willkommen und gerechtfertigt. Ich muss sagen: Ich fühle mich endlich wie ein Erwachsener. Mit fast 40. Zum ersten Mal richtiges Eigentum. Geben Sie mir noch ein paar Wochen, ein NZZ-Probe-Abo und drei, vier dumme Instagram-Reels von Bitcoin-Finance-Bros und ich unterschreibe bei der FDP!
Das ist ein grosser Schritt. Alles andere, wofür ich in meinem Leben bisher relevantes Geld ausgegeben habe, hat nie wirklich mir gehört. Das teuerste war immer meine Wohnung, aber die musste ich jeweils zurückgeben. Sowieso: Ganz grundsätzlich ein superschlechter Deal. Ich finde, so eine Wohnung sollte nach zirka drei Jahren Miete zahlen einfach dir gehören. Oder wenigstens ein Teil davon. Das Badezimmer oder so. Damit man künftig aufs WC oder ein warmes Bad nehmen kann, wenn man gerade in der Stadt ist. Nur so ein Gedanke.
Stand jetzt halte ich nur die Wohnung warm für den nächsten, der sich die unbegründete Mieterhöhung leisten kann. Wie so ein Sitz im Zug. Kennen Sie das auch? Wenn Sie sich in den Zug setzen und der Sitz ist noch warm und dann finden Sie das zuerst kurz schön, dann zu intim, dann denken Sie an den nächsten, der hier sitzen wird und fühlen sich endlich einmal als Teil eines grossen Ganzen, the circle of life, the human perpetuum mobile of Sitzheizung?
Apropos Zug: Mein GA war immer einer meiner grössten Ausgabenpunkte, aber da gilt dasselbe. Den Zug darf ich nur mitbenutzen, der gehört nicht mir. Dabei ist so ein Zug auch nur ein sehr grosses Lastenrad auf Schienen. «Ich bin auch ein Cargobike», hier haben Sie’s zum ersten Mal gelesen, bitte alle Tantiemen per Twint an mich.
Denn so ein E-Cargobike ist sauteuer. Mit voller Ausstattung kostet das fast so viel wie ein kleiner Occasion-Benziner. Oder ein Sitz in einem üblichen SUV (exklusive Sitzheizung). Und eben: Etwas zu kaufen, das so teuer ist, dass man darauf Acht geben muss, das haben die meisten Menschen schon viel früher gemacht, nämlich um die 20 herum. Für viele ist das Auto so etwas wie der nächste logische, pädagogische Schritt ins Erwachsenenleben. Eine Erziehungsmassnahme mit Handbremse und Lenkhilfe, pünktlich zum 18. Geburtstag, von der Gesellschaft anerkannt, von der Autolobby beworben und vom Bappi stolz abgenickt. Gestern noch bist du in den beschissensten Club der Agglo nicht reingekommen und musstest dir den Malibu-Schnaps von einem Fremden an der Tankstelle kaufen lassen und heute sitzt du auf mehr als 100 PS und versuchst, so wenige Kinder wie möglich zu überfahren. Von Null auf Verantwortung in unter zehn Sekunden. Mit dem Automat in die Adoleszenz. Oder vor allem: Manuell geschaltet in die Männlichkeit. Denn ja: Ein richtiger Mann hat ein Auto. Wie oft schon wurde, gerade ich als Student, offen bemitleidet: «Was, du hast kein eigenes Auto, ouh, das tut mir mega leid!». Und dann verständnisvoller: «Ja aber gut, gell, du studierst halt noch, dann kommt das grosse Geld später, aber dafür kannst du dir einen richtigen Chlapf kaufen» (Sidenote: Chlapf, super Wort), bis sie erfahren, dass du Geschichte und Germanistik studierst und dann merken: Aha, dann also doch nie ein Auto. Denn mit dem Studium wirst du entweder Taxifahrer, und das Auto gehört wieder nicht dir, oder Lehrer und dann darfst du dir, weil du sonst im Lehrer*innenzimmer gemobbt wirst, höchstens ein Liegevelo zulegen. Oder eben: ein E-Cargobike. Die Penisverlängerung für Pädagog*innen. Und was für eine! Weil man die Verlängerung tatsächlich, quasi phallisch und mit Stolz, vor sich herträgt. Inklusive Güter, in den meisten Fällen Kinder. Die werden nicht mehr verschämt und versteckt hinten im Anhänger mitgezogen, nein! «Schaut her, was ich mit meiner Potenz erschaffen habe! Sehet: Die Frucht meiner Lenden! Huldigt meinem Nachwuchs!», schreit das linke Bildungsbürgertum durch die blauen Zonen der begrünten Hipsterviertel und trägt seine kleinen König*innen auf der Sänfte in die antiautoritäre Kinderyoga-Kita.
Das E-Cargobike ist das ultimative Statussymbol, weil es die Schwächen eines Autos nicht hat. Es ist umweltfreundlich, nachhaltig, sportlich, effizient, recht klein und nicht sehr komfortabel (auch der Nachwuchs muss teils in der kalten Brise sitzen oder sogar im Regen, survival of the fittest – kids edition) – und trotzdem recht teuer. Oh, der feine Herr hat 8’000 Franken ausgegeben, aber ohne die Luft zu verpesten, die Strassen zu verstopfen und Kinder zu gefährden (ausser die eigenen, vorne in der Knautschzone). Ganz nach dem Motto: Ich habe keine Laster – ich habe ein Lastenrad.
Das heisst, liebes Volk: Wenn Sie ein E-Cargobike kaufen, können Sie mit Ihrer Potenz/Fruchtbarkeit und Kaufkraft prahlen und das auch noch moralisch richtig und politisch korrekt. Das macht Sie definitiv zu einem besseren Menschen und damit offiziell zum*zur unangenehmsten Verkehrsteilnehmer*in, herzlichen Glückwunsch!
Es grüsst Sie
Ihr Kaiser
ps: Falls Sie sich fragen, ob wir wirklich Kinder erwarten, muss ich sie enttäuschen. So weit sind wir noch nicht, finanziell. Nur wer sich ein E-Cargobike UND Kinder leisten kann, hat es wirklich geschafft.