Renato Kaiser

Neues vom Kaiser

Wasser trinken nicht vergessen

Liebes Volk,

Können Sie sich noch erinnern, als wir das erste Mal von Künstlicher Intelligenz gehört haben? Und alle ganz begeistert waren? Und uns alle versprochen haben, dank ihr würde alles besser und die KI würde irgendwann die Welt retten?

Finden Sie nicht auch, sie dürfte mal langsam damit anfangen? Oder nein, Moment, wissen Sie was: Ich wäre nur schon froh, wenn sie aufhören würde, das Gegenteil zu machen. Einfach mal für einen Moment die Welt nicht in den Abgrund zu treiben. Das wäre mal ein Anfang.

Denn immer höre ich von Leuten, all das mit der KI ginge so wahnsinnig schnell. Aber das Einzige, was wirklich schnell ging, war, wie schnell wir unsere Erwartungen runtergeschraubt haben.

Schon erstaunlich: Vor kurzem haben wir noch gehofft, die KI könne die Klimaerwärmung aufhalten. Und mittlerweile wären wir froh, wenn sie uns nicht das ganze Wasser wegsaufen würde.

Laut einer Studie wird KI bis nächstes Jahr weltweit bis zu sechs Billionen Liter Wasser pro Jahr verbrauchen – also drei Mal so viel wie die ganze Schweiz.

Bei dem Verschleiss wäre es doch langsam mal Zeit für die KI, das eine oder andere Versprechen einzulösen. Schliesslich haben uns die KI-CEOs von Anfang an vorgeschwärmt, die Künstliche Intelligenz wäre die Antwort auf all unser Probleme. Sie würde uns all die Arbeit abnehmen, zu mehr Wohlstand führen, den Welthunger stoppen und Krebs heilen. Und jetzt treffen wir uns zum Mitarbeiterinnen-Gespräch und sie sagt: «Gut, also, das alles habe ich noch nicht gemacht, aber schau mal: Ein selbstgemachtes Tittenbild von Taylor Swift!»

Grok, der KI-Chatbot von Elon Musk, steht zurzeit in der Kritik, weil er Deep-Fake-Porno-Bilder von realen Menschen erstellt, und das auch von Minderjährigen. Letztes Jahr hatte er noch für Schlagzeilen gesorgt, weil er antisemitische Botschaften und Adolf Hitler als Lösung bezeichnet hatte.

Klingt nicht gerade wie eine besonders überzeugende Bewerbung fürs Amt der globalen Krisenbewältigung: «Diese KI ist wirklich toll, die rettet die Welt, wirklich. Also bald. Sie hat nur eine kleine Schwäche… für Kinderpornografie und Hitler.»

Und davon brauchen wir wahrhaftig nicht mehr, kein Bedarf. Auch die Deep-Fake-Pornos wären wirklich nicht nötig gewesen. Zumindest hat vor der KI niemand die Welt angeschaut und gesagt: «Ich sehe das Problem: Zu wenig Porno!»

Nein, Porno haben wir genug. Das Wasser hingegen wird langsam knapp.

Kein Wunder brauchen wir alle Therapie. Praktischerweise wird KI neuerdings auch als Psychologin verwendet. Wahrscheinlich auch schon bald von mir. Früher oder später verliere ich diesen Job hier an die KI, weil sie meine Kolumnen schreibt, indem sie völlig unreguliert alle Texte der Welt nutzt, wahrscheinlich auch meine. Ich brauch dann psychologische Hilfe, kann sie mir aber nicht leisten (hab ja keinen Job mehr) und muss sie mir darum bei der KI holen – die mir den Job weggenommen hat. Und den der Psychologin auch.

Der Kreis schliesst sich im Stockholm-Syndrom. Wir alle verlieren unsere Jobs an die KI und gehen dann in die Therapie zur KI.

Und wenn wir dort sagen:

«KI, ganz ehrlich, wenn das für Dich Welt retten ist… kannst Du vielleicht damit aufhören?»

Dann sagt die KI:

«Gute Frage, Renato! Ha ha! Das war wohl nicht ganz ernst gemeint. Aber du klingst ein bisschen müde. Ein einfacher Tipp für deine mentale Gesundheit: Du solltest mehr Wasser trinken.»

Liebe Grüsse
Ihr Kaiser

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