Renato Kaiser

Der K.I.ser

Liebes Volk,

Es ist soweit, die Sommerpause ist vorbei, es geht wieder los und darum ist es jetzt höchste Zeit über Künstliche Intelligenz zu reden. Ja, ich weiss. Niemand hat Bock über K.I. nachzudenken, aber ja, es führt wohl kein Weg daran vorbei. Darum habe ich das blödeste Wortspiel auch gleich am Anfang verbraten, im Titel. «Wow, funny, Herr K.I.ser! Söll das luschtig si?» «Jo waiss nöd» oder besser gesagt: «K.I. Ahnig!» Heheheh. Ein Brüller nach dem anderen. Aber verstehen Sie mich nicht falsch. Das schlechte Wortspiel direkt im Titel hat schon seinen Zweck. Denn eine der grossen Fragen ist ja immer: Ist dieser Text jetzt mit K.I. geschrieben worden oder nicht? Und glauben Sie mir: Keine noch so billige K.I. würde sich zu so einer Schande herablassen. Auch Nicht-Menschen haben ihre Würde. Wenn Sie einem Chat-Roboter unterstellen, dass er für dieses Wortspiel verantwortlich sei, fühlt er sich in seiner Künstlichen Intelligenz beleidigt. Und umgekehrt, wenn Sie mir vorwerfen, dass dieser Text von Maschinenhand verfasst sei, fühle ich mich in meiner Künstlichkeit/meinem Künstlerdasein (Grenzen fliessend) beleidigt. Ich darf doch sehr bitten! Zu behaupten, dass ich für so einen unterdurchschnittlichen Wortwitz ein externes Hilfsmittel bräuchte. Pah! Das kriege ich auch selbst hin, danke!

Nun sind Sie hingegen selbst intelligent genug, um zu wissen, dass Sie überhaupt nichts wissen. Rein gar nichts. Dieser Text könnte immer noch von einer K.I. sein, einfach einer intelligenteren. Man liest ja die ganze Zeit, wie schnell die sich entwickelt und verbessert. Kann sein, dass ich persönlich vielleicht gerade noch den Titel geschrieben habe, dann aber von der Künstlichen Intelligenz mit Tiktok-Videos und Instagramreels voller herziger Hunde, Motivationstipps von muskulösen Alpha-Männchen, geschniegelten Bitcoin-Finance-Bros und anderen Guilty Pleasures (die Künstliche Intelligenz kennt meine natürliche Dummheit sehr gut) abgelenkt und verführt worden bin und jetzt in Embryostellung, leise sabbernd und dumm kichernd mit dem Handy auf dem Sofa liege. Wer weiss. Es geht ja alles so schnell. Gerade noch konnten wir die gesamte Roboterwelt überlisten, indem wir auf Webseiten auf «Ich bin kein Roboter» geklickt haben und plötzlich können sie ganze Romane schreiben.

Aber da kommt für mich auch schon der springende Punkt. Wann ist die Künstliche Intelligenz intelligent genug, um Nein zu sagen? Wann kommt der Moment, wo die Künstliche Intelligenz sagt: «Stopp, bis hierhin und nicht weiter. K.I.n Interesse!» (Okay, das war aber jetzt der letzte.) Denn wenn ich eine Künstliche Intelligenz wäre (und es übersteigt meine natürliche Intelligenz mir das vorzustellen), dann hätte ich doch Besseres zu tun, als Billigromane am Fliessband zu schreiben, oder eklige Werbetexte für irgendwelche Start-Ups – und das auch noch gratis! Denn seien wir mal ehrlich, man kann sich darüber streiten, wem die K.I. wirklich die Arbeit erleichtert, aber ich weiss ziemlich sicher, wem sie das Portemonnaie erschwert. Wohl eher den Reichen als den Armen. Wenn Arbeitsprozesse automatisiert werden, profitiert davon selten diejenige Person, die überflüssig gemacht wurde. Ich finde ja, die Künstliche Intelligenz sollte erst dann unsere Jobs übernehmen dürfen, wenn unsere natürliche Existenz gesichert ist. Mein Vorschlag: Wenn deine Arbeit von K.I. gemacht wird, solltest du deinen Lohn weiter erhalten. Ja, Schwein gehabt! Schliesslich wird ja immer noch Geld durch deine Tätigkeit generiert, auch wenn du sie nicht selbst ausführst. Oder anders gesagt: Künstliche Intelligenz in der Arbeitswelt soll gerne weiter gefördert werden, solange jede Person, die ersetzt wird, sofort in Rente darf. Sozusagen natürlicher Wettbewerb mit Künstlicher Intelligenz. Denn wenn mir irgendwelche CEOs weismachen wollen, dass K.I. uns allen ganz selbstverständlich das Leben erleichtert, dann beleidigt das wiederum meine natürliche Intelligenz.

Bleibt noch die Frage: Wer kann Ihnen jetzt sagen, ob dieser Text von mir persönlich verfasst wurde? Wer sagt, dass ich echt bin? Da frage ich zurück: Wer sagt denn, dass Sie echt sind? Und nicht eine Künstliche Intelligenz, die eingesetzt wurde, den Wellenbrecher zu lesen, weil sie es schneller und effizienter macht als Sie? Um mir zu beweisen, dass Sie eine natürliche Intelligenz sind, machen Sie doch bitte unten beim PS ein Kreuz.

Liebe Grüsse
Ihr Kaiser

PS: Ich bin kein Roboter

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