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Renato Kaiser

Drag Queens und Nazis

Liebes Volk,

Kommen wir doch gleich zu dem Thema, das mir in den letzten Wochen am Meisten auf die Nerven gegangen ist, nämlich: Drag-Queen-Kinderlesungen. Also nicht wegen der Drag Queens, gegen die habe ich nichts. Im Gegenteil: Drag Queens gehören zu uns! Ja, die stehen in irgendwelchen Lokalen auf die Bühne, geschminkt, mit Perücke und tanzen zu schlechter Musik vor relativ wenig Publikum… Also ganz normale Kleinkunst!

Und so wie die Drag Queens und Drag Kings sind auch die meisten Kleinkünstler*innen ja völlig harmlos. Die kann man ohne Probleme vor Kinder lassen. Ausser vielleicht Marco Rima. Da kommt dein Sohn in einem Trychler-Hemd zurück und mit schwarz angemaltem Gesicht. Wobei Marco Rima auch nicht mehr in Kleintheatern auftritt, muss man fairerweise sagen. Darüber ist er weit hinaus. Er spielt jetzt bei SVP-Delegiertenversammlungen. Wie vor einigen Monaten beim Aargauer SVP-Kantonalparteitag, also auch vor Kindern, die in der Trotzphase hängengeblieben sind.

Unter anderem eben auch vor Andreas Glarner und da sind wir (im wahrsten Sinne des Wortes) beim Enfant Terrible. Er hat ja zu dieser ekelhaften Debatte angestiftet. Und dazu, dass jetzt alle darüber reden. Auch ich. Über freiwillige Drag-Queen-Kinderlesungen! Ich! Wie absurd! Schliesslich vereinen diese Veranstaltungen drei Dinge auf sich, mit denen ich nichts zu tun habe! Kinder, Kostüme und Lesungen!

Ich habe ja nichts gegen Kinder… aber auch nichts für sie. Auch nicht diesen Jöö-Effekt. Für mich sind Kinder einfach… Menschen. Richtig: Kinder sind auch Menschen (die einfach viel weniger können).

Und Kostüme! Ich hasse es, mich zu verkleiden! Wenn ich auf der Bühne ein Hemd trage, ist das bereits ein Kostüm für mich! Im richtigen Leben sehe ich aus wie ein hängengebliebener Rapper, der Sozialarbeiter ist und zu den «Kidz» (ja, mit «z») sagt, dass er auch schon mal gekifft habe. Auf der Bühne bin ich verkleidet. Als Erwachsener.

Und Lesungen! Die spiessigsten, trockensten Veranstaltungen überhaupt. Was der «Buurezmorge» für die Bauern ist, ist die Buchvernissage für das Bildungsbürgertum. Nur mit schlechterem Essen und noch langweiliger.

Dass ICH also über Drag-Queen-Kinderlesungen rede, ist völlig absurd. Und dass ich sie verteidigen muss! Vor erwachsenen Menschen, die es eigentlich besser wissen müssten! Es ist so peinlich. Denn eigentlich haben die meisten nichts gegen diese Lesungen. Sie sind ihnen völlig egal. Aber sobald Andreas Glarner einen Twitter-Zusammenbruch hat und die Nazis von der «Jungen Tat» zum Protest aufrufen, fühlt sich plötzlich auch die sogenannte Mitte der Gesellschaft unwohl und fängt an zu quengeln: «Ja schau… wir haben nicht direkt etwas dagegen, dass Ihr Drag Queens vor Kindern lest, wenn deren Eltern das so wollen… Aber… könnt Ihr vielleicht trotzdem bitte lieber nicht…? Weil… Ihr seht doch… Es regt die Nazis auf… Und dann müssen wir uns gegen Nazis positionieren… Und das ist so anstrengend!»

Und das verstehe ich natürlich. Historisch gesehen sind wir damit schliesslich gut gefahren. Die Schweiz ist nicht zu der Schweiz geworden, die sie heute ist, weil sie besonders gerne Nazis wütend gemacht hat. Im Gegenteil: Switzerland – not upsetting the Nazis since 1933!

Darum sagen die Leute dann auch: «Ja, nur weil es der Glarner und irgendwelche Nazis sagen, muss es ja nicht automatisch schlecht sein.» Doch! Momoll! Die Wahrscheinlichkeit ist relativ hoch, hat die Erfahrung gezeigt! Und abgesehen davon, was ist dir lieber zu sagen: Dass du dieser Meinung bist, weil es ein Nazi gesagt hat? Oder dass Du ganz unabhängig und selbständig überlegt hast und ganz alleine auf die gleiche Meinung gekommen bist wie ein Nazi? Du musst dich entscheiden. Und wir alle müssen uns entscheiden. Mit wem fühlen wir uns unwohler? Mit jemandem, der sagt: «Ich bin keine Frau, ich zieh mich nur an wie eine Frau.» Oder mit jemandem, der sagt: «Ich bin kein Nazi. Ich habe nur die gleiche Meinung wie ein Nazi.»

Falls es dann immer noch nicht klar ist, noch ein kleiner Tipp. Das Schöne an Drag Queens ist auch: Die Wahrscheinlichkeit, dass sie gleichzeitig auch noch Nazis sind, ist sehr klein.

In diesem Sinne: Bleiben Sie stabil, bleiben Sie wach und entscheiden Sie selbst, zu wem Sie Ihre Kinder in die Lesung schicken wollen (vielleicht nicht zu mir).

Es grüsst Sie

Ihr Kaiser

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