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Renato Kaiser

Erfolglos fürs Klima

Liebes Volk,

Die Skirennsaison ist vorbei, aus Schweizer Hinsicht war sie historisch, ein einziger grosser Erfolg, die Odimanie ist riesig! Marco Odermatt ist der Geilste! Unser blonder Ski-Engel! Unser Meskias! Unser Ski-sus Christ Superstar! Oder wie es Ihnen vielleicht der eine oder andere Bürokollege beim Team-Après-Ski sanft ins Ohr geflüstert hat: ODIODIODIOOOODERMAAAAATTT!

Aber: Die Lichtgestalt Marco Odermatt ist ein Problem. Ja! Denn viele sagen ja, es seien die Benziner oder die Flugzeuge oder die Kreuzfahrtschiffe, die schuld sind am Klimawandel. Aber wenn jemand wirklich schuld ist, dann Marco Odermatt. Er hat uns im Kampf um die Erdkugel um mehrere Zehntel zurückgeworfen!

Dabei lief es doch so gut, bzw. schlecht! Über Jahre und Jahrzehnte hinweg hat die Schweiz den Wandel akzeptiert. Den Wandel vom Klima und damit auch den Wandel vom Ski-Team. Früher, in den 80er Jahren, haben sie noch alles in Grund und Boden gefahren. Aber so Mitte 90er Jahre, als die Umweltbewegung immer globaler wurde, haben sie gemerkt: Das hat doch alles keine Zukunft. Mit dieser berechtigten Einstellung sind sie im Starthaus gestanden, haben runtergeschaut und gesagt: „Ja, ich kann jetzt schon da runterfahren, aber eigentlich ist doch eh alles egal…“ Darum auch die Käse-Ski-Dresses damals! Es war so offensichtlich! Wer sich im Emmentaler-Ganzkörper-Kondom den Hang runterstürzt, hat doch schon lange aufgegeben. Ganz nach dem Motto „Der Schnee ist eh bald weg – warum all die Mühe?“ sind sie runtergefahren, bzw. -gekrochen, die Piste runtergeschmolzen wie ein Fondue, im passiven Widerstand, mehr Sitzstreik als Abfahrtshocke, demonstrativ langsam den Zielhang hinunter und waren damit offiziell die ersten Klimakleber*innen der Welt!

Doch dann kam Marco Odermatt und machte alles kaputt mit seinem Jahrhunderttalent.

Natürlich hatten wir auch vor ihm herausragende Athlet*innen, Beat Feuz zum Beispiel, ebenfalls erfolgreich und mitreissend, klar. Aber der zählt nicht. Das war mehr ein Fiebertraum, niemand weiss, ob das überhaupt passiert ist. Wer hätte gedacht, dass das Geheimnis für perfekte Aerodynamik ein fassförmiger Oberkörper, ein Doppelkinn mit Grübchen und ein zwölffach operiertes Knie ist. Raclettestube statt Windkanal. Beat Feuz war beim Skiweekend der Firma immer der Schnellste im Kafi-Lutz-Plauschrennen – und zack – gewinnt er am Lauberhorn. Ich kann bis heute nicht sagen, ob der je einen Helm getragen hat oder nicht doch so eine SKA-Zipfelmütze und eine Jägermeister-Plastiksonnenbrille. Ein Held aus einer anderen Zeit.

Oder Lara Gut-Behrami: Olympiasiegerin, Doppelweltmeisterin, Gesamtweltcupgewinnerin. Sie hat praktisch alle Titel geholt, aber einen entscheidenden abgelehnt, nämlich: „Schätzchen der Nation“. Das war sie nie und wollte sie nie sein, völlig zu Recht. Für diese Nation war sie ohnehin von Anfang an nicht eine Heldin aus einer anderen Zeit, sondern eine Heldin aus einem anderen Land, nämlich: Dem Tessin.

Im Gegensatz eben zu Marco Odermatt. Der kommt nicht nur aus der Schweiz, nein, aus der Innerschweiz! Aus den Eingeweiden der Eidgenossenschaft. Wenn schon gebrochenes Deutsch, dann Nidwaldner Dialekt! Das „Marco“ vor dem „Odermatt“ ist der Hauch Exotik, den der durchschnittliche Deutschschweizer Skisportfan gerade noch so aushält.

Doch das Jahrhunderttalent kommt zur Unzeit. Zur Endzeit. Schlechtes Timing. Und Ski Austria ist uns mal wieder weit voraus: Der Dominator Marcel Hirscher trat damals auf dem Höhepunkt der Klimadebatte zurück, das restliche ÖSV-Team hörte offensichtlich sofort kollektiv auf Ski zu fahren und liess uns zurück mit dem Aushängeschild des Sports und dem Dilemma: Wie sehr beschleunigt der Skizirkus die Klimaerwärmung? Wann geht die Welt unter? Und wie oft kann Marco Odermatt bis dahin noch den Gesamtweltcup gewinnen?

Mit fatalen Folgen für unsere Gesellschaft: Unschuldige Schweizer Kinder wollen Ski-Profis werden. Denkt denn niemand an die Kinder!? Überall droht Fachkräftemangel und wir schicken unseren Nachwuchs in eine sterbende Branche? In die Brache nach dem Schnee?

Darum sage ich: Marco Odermatt muss weg. Weg von der Ideallinie! Ein Rücktritt für die Zukunft. Zurück zu alter Schwäche. Nichtleistung muss sich wieder lohnen. Eine kleine Niederlage für uns, aber ein grosser Schritt für die Umwelt.

Es grüsst Sie

Ihr Kaiser

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