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Renato Kaiser

Nicht so gutes Fondue

Liebes Volk,

Willkommen im neuen Jahr! Sie haben den Januar bereits hinter sich gebracht, also: Den Veganuary. Oder wie ich sage: Veganuar. Das ist das deutsche Sprachersatzprodukt zu «Veganuary». Womit wir auch schon beim Thema wären: Vegane Ersatzprodukte. Ich weiss, viele von Ihnen sind Fleischesser*innen und darum möchte ich mich an dieser Stelle schon mal im Voraus für all die unmenschlichen Qualen, denen Sie immer und immer wieder ausgesetzt sind – wenn Sie zum Beispiel wieder mal lesen müssen, dass im Zuge der globalen Veganismus-Diktatur irgendwo auf der Welt in irgendeiner Mensa an einem Tag der Woche ein veganes Menü angeboten wird – entschuldigen mit einem herzhaften tsch… tsch… tschuldigung. Ich weiss, Sie haben es nicht einfach…

Aber wissen Sie, wer es wirklich nicht einfach hat? Veganer*innen! Denn der Winter besteht nicht nur aus dem Veganuar, sondern erst mal aus Weihnachten und Silvester. Und auch wenn die beiden mit dem Original ebenfalls nicht mehr viel zu tun haben, hält sich eine Tradition, nämlich: Der masslose Konsum von Fleisch- und Käseprodukten. Wäre Jesus Christus hier und heute auf die Welt gekommen, hätten ihm die drei Könige nicht Weihrauch, Myrrhe und Gold als Gaben gebracht, sondern Schinkli im Teig, Fondue Chinoise und Käsefondue. «Lass uns unseren Herrn und Schöpfer huldigen, und zwar mit einem Kübel voll mit Käse, wie es in der Bibel steht!», sagt man sinngemäss, wenn man zu faul ist, für den erweiterten Familienkreis ein richtiges Abendmahl zuzubereiten. Ist ja alles gut und recht, die ohnehin gepeinigten Eltern haben es während der Festtage, der weihnachtlichen Hunger Games, schon schwer genug. Von denen erwarte ich keine Rücksicht auf (heheh) Extrawürste. Sie haben meine volle Erlaubnis, alles in einen (Käse-)Topf zu werfen, allen Beteiligten eine Miniaturheugabel in die Faust zu drücken und die ganze Szenerie lieblos mit ein paar Silberzwibeli zu dekorieren. Wer die Möglichkeit hat, mit so wenig Aufwand für so viele Menschen ein derart köstliches Mahl zu bereiten, soll das gefälligst tun.

Aber wir Veganer*innen sollten das tunlichst unterlassen. Und falls jetzt irgendeine vegane Person denkt: «Ach komm, ich hatte schon einmal veganes Fondue und das war gar nicht so schlecht» – genau deswegen sage ich das. «Gar nicht mal so schlecht» reicht mir einfach nicht. Schau, wir alle hatten schon mal ein schlechtes Fondue: Irgend so ein abgelaufenes Fondue, «das glaubs schon noch gut ist» oder so eine super spezielle Hipsterdemetermischung von der lokalen «Urban Käsebrauerei» oder einfach ganz klassisch-karton, das grauslige Gerbergulasch. Nicht so gutes Fondue? Kann mal passieren. Aber: Wenn du ein veganes Fondue nimmst, entscheidest du dich bewusst für ein nicht so gutes Fondue. Du hättest jede andere, vorzügliche, exquisite vegane Speise haben können, aber du hast gesagt: Nein. Heute gönne ich mir etwas gar nicht mal so Gutes. Das bin ich mir wert. Veganes Fondue ist der einzige Fall, bei dem du etwas essen kannst, das dir deine Mutter auftischt und ihr dann ins Gesicht sagen: «Gar nicht mal so schlecht!» Und sie wird nicht wütend, sondern freut sich. Völlig verrückt.

Und kommen Sie mir jetzt bloss nicht mit: «Ja, aber wenn das so ist, dann sollten Veganer*innen auch keine veganen Würste essen!» Das ist etwas völlig anderes: Wurst hat eine sehr praktische und darum äusserst nachahmenswerte Ess-Form. Ob man die jetzt mit überwürzten Fleischabfällen oder mit überwürztem Seitan oder Soja gefüllt ist, ist schlussendlich auch egal. Fondue jedoch ist das unpraktischste Gericht überhaupt! Ein Bottich voll mit käsigem Flüssigkleber? Wofür wir immer noch kein passendes Besteck gefunden haben? Sondern nur eine Gabel mit Brotaufsatz? Es ist kein gutes Zeichen, wenn Brot zur Besteckbeilage degradiert wird. Darum fällt es auch immer ab, aus Protest wahrscheinlich. Seit Ewigkeiten verlieren wir unsere Brotstücke in der Käsesuppe, und nie sind wir auf den Gedanken gekommen: «Hm, vielleicht ist das doch nicht so eine gute Idee mit dem Brot?» Nein, stattdessen haben wir uns dumme Bestrafungen ausgedacht. Leute müssen den Sitznachbarn küssen, ein blödes Gedicht aufsagen oder nackt um das Chalet rennen, als wären wir die hängengebliebensten Illuminati der Welt. Klingt ohnehin nach schwarzer Magie. «Wenn du keine acht rührst, verbrennt die Grossmutter!» Ich will niemanden verurteilen. Aber erklären Sie das mal vor Gericht.

Ich könnte noch seitenlang über (veganes) Fondue wettern und ja, mir ist schon klar: Je mehr veganes Fondue konsumiert wird, desto besser wird die Rezeptur, Angebot und Nachfrage, ist ja gut und recht. Sollen sich von mir aus alle weiterhin für diese wissenschaftliche Studie freiwillig melden. Ich für meinen Teil verzichte auf dieses Experiment am Menschen. Man kann auch Tiere schützen, ohne aus Cashew Suppe zu machen.

In diesem Sinne, frohen Veganuar und en Guete

Ihr Kaiser

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