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Renato Kaiser

Zu emotional für Fussball

Liebes Volk,

Was für eine tolle Fussball-WM das war diesen Sommer! Da war alles dabei, Spannung, Tore, Emotionen, wunderbar. Apropos Gefühle, lassen Sie uns doch mal über Männerfussball reden. Wenn ich mir so das übergriffige Verhalten vom spanischen Verbandspräsidenten anschaue, der seine Spielerinnen ungefragt abschmust und übergriffig auf den Mund küsst, danach allen anderen die Schuld gibt und mit zitternder Stimme und glasigen Augen am Rednerpult fünfmal wiederholt, dass er nicht zurücktreten werde, muss die Frage erlaubt sein: Sind Männer einfach zu emotional für Fussball?

Anderes Beispiel: Der Video Assistant Referee (VAR). Immer wieder höre ich die Männer jammern, der VAR mache den Fussball kaputt. Das sei nicht mehr echt. Das sei alles zu künstlich. Aber jetzt mal Hand aufs Herz, künstlich war der Fussball doch vorher schon. Wie viel Gefühl steckt da wirklich noch drin? Die Fifa ist korrupt bis in die Katar-Spitzen, die modernen Stadien haben den Charme einer Open-Air-Zahnarztpraxis, das Bier schmeckt schal und den Plastikbecher muss man wegen des Depots auch noch ständig in den Fingern behalten. Die ganze Welt besteht aus Plastik. Wir alle haben Plastik in unseren Körpern. Nicht zuletzt der Kunstrasen penetriert uns mit Mikroplastik, spätestens beim Tackling. Wer schon mal auf Kunstrasen eine Chiellini-Gedächtnis-Grätsche durchs Granulat gepflügt und danach die Kügelchen nicht rechtzeitig aus dem Oberschenkel gepflückt hat, merkt zuhause: Oha. Die bauen sich nicht ab. Ich bin jetzt Teil der Entsorgungskette. Kunstrasen-Granulat: Das Unterhautpiercing des kleinen Manns.

Und bezüglich VAR: Klar ist es „schöner“, sich direkt über den Schiri auf dem Platz aufzuregen. Da hat man ein Ziel vor Augen. Da weiss man, wo der Zeige-, der Mittelfinger oder der Bierbecher hinmuss! Beim Schiri wissen wir, wo sein Auto steht, beim VAR wissen wir nicht mal so genau, wo der sitzt! Ausser im Gehörgang vom Schiedsrichter, wenn er die eine Hand ans Ohr hält und die andere demonstrativ ausstreckt, als würde er (verständlicherweise) zum aufbrausenden Spieler sagen: „LALALALA ICH KANN DICH NICHT HÖREN“. Viele sagen, der Schiri sei „blind“. Aber wenn man bedenkt, mit was für Spielern er da auf dem Platz über 90 Minuten lang über ihre Gefühle reden muss, würde er wahrscheinlich lieber nicht hören können.

Und du auf der Tribüne jammerst wegen fehlender Emotionen? Dabei kannst du mit deinem blöden Plastikbecher nicht einmal richtig in die Hände klatschen? Und dann beisst du unbeholfen in den Becherrand, klatscht sabbernd in deine Patschehändchen und kannst nicht einmal Scholololo singen, weil du einen 2-Franken-Plastikmaulkorb im Mund hast! Und irgendwann kollabierst du, weil du minutenlang durch einen Becher hindurch deinen eigenen CO2-Ausstoss eingeatmet hast wie der traurigste Rückschritt in der Geschichte der Evolution. Pflanzen überleben durch Photosynthese und du erstickst am Depot. Sag mir noch einmal, dass der VAR die Emotionen zerstört, während du durch den Plastikbecher inhalierst, wie der traurigste Darth Vader der Welt.

Durch den VAR gehen keine Emotionen verloren. Es kommen neue dazu! Es fällt ein Tor, alle jubeln: Emotion! Dann streichelt der Schiri sein Ohrläppchen, die einen bangen, die anderen hoffen: Doppel-Emotion! Der Schiri rennt zum Monitor, es dauert viel zu lange, alle sind genervt: gemeinsame Emotion! Dann zeichnet er ein Rechteck in die Luft, zeigt auf den Mittelpunkt, gibt das Tor, boom: Bonus-Emotion! Das einzig „Unechte“ an alledem ist, wie sich die verwöhnten Profifussballer über die sorgfältig überprüfte Entscheidung künstlich aufregen.

Wieder ein Grund mehr, Frauenfussball zu schauen. Denn bei der WM in Australien und Neuseeland verlief die Zusammenarbeit mit dem VAR weitgehend reibungslos. So viel zu wahren Emotionen. Der Frauenfussball ist so echt, den macht nicht einmal der VAR kaputt.

Es grüsst Sie

Ihr Kaiser

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